Neurodivergenz und Neurodiversität?
Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren Gehirn Informationen in einzelnen Bereichen anders verarbeitet als es gesellschaftlich als „neurotypisch“ gilt – zum Beispiel bei Aufmerksamkeit, Wahrnehmung, Lernen, Impulskontrolle oder sozialer Kommunikation. Neurodivergenz ist kein eigenständiger medizinischer Fachbegriff, sondern ein beschreibendes Konzept; es bedeutet nicht automatisch Krankheit oder Behinderung.
Konkrete Beispiele
ADHS: Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Impulssteuerung oder Organisation
Autismus: Besonderheiten in sozialer Kommunikation, Reizverarbeitung oder im Bedürfnis nach Routinen
Legasthenie: ausgeprägte Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben
Dyskalkulie: anhaltende Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen und Rechenprozessen
Tic-Störungen / Tourette-Syndrom: motorische oder vokale Tics
Neurodiversität bezeichnet die gesamte Vielfalt neurologischer Unterschiede in einer Gesellschaft. Gemeint ist, dass Menschen unterschiedlich denken, wahrnehmen, lernen und kommunizieren – und dass diese Unterschiede ein normaler Teil menschlicher Vielfalt sind.
Kurz zusammengefasst
Neurodivergent = eine einzelne Person mit einer neurologischen Ausprägung außerhalb der neurotypischen Norm
Neurodiversität = die Vielfalt solcher neurologischen Unterschiede insgesamt
ADHS bei Erwachsenen
ADHS (ICD-11: 6A05) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung der Selbstregulation, die sich durch ein anhaltendes und entwicklungsunangemessenes Muster aus Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität auszeichnet. Die Symptome beginnen typischerweise in der frühen Kindheit (vor dem 12. Lebensjahr), müssen in mindestens zwei verschiedenen Lebensbereichen (z. B. Schule, Beruf, Familie) über mindestens sechs Monate bestehen und dort zu klinisch bedeutsamen Beeinträchtigungen führen. ADHS kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen; die äußere Erscheinungsform verändert sich häufig mit zunehmendem Alter.
Die ICD-11 unterscheidet drei Subtypen: vorwiegend unaufmerksam (6A05.0), vorwiegend hyperaktiv-impulsiv (6A05.1) und kombiniert (6A05.2).
Quellen: ICD-11 Code 6A05 (WHO, 2022); S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter (AWMF-Registernr. 028-045, DGPPN/DGKJP); Bundesgesundheitsministerium.t.
Autismus-Spektrum (ASS)
Die Autismus-Spektrum-Störung (ICD-11: 6A02) ist eine neurologische Entwicklungsstörung, die durch zwei Kernbereiche charakterisiert ist: (1) anhaltende Defizite bei der Initiierung und Aufrechterhaltung wechselseitiger sozialer Kommunikation und Interaktion sowie (2) eingeschränkte, sich wiederholende und unflexible Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten, die für das Alter und den soziokulturellen Kontext eindeutig untypisch oder exzessiv sind. Häufig bestehen zudem sensorische Besonderheiten in Form von Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Sinnesreizen. Die Symptome sind typischerweise seit der frühen Kindheit vorhanden – auch wenn sie sich erst dann als Störung manifestieren, wenn soziale Anforderungen die Kompensationsmöglichkeiten übersteigen und zu klinisch bedeutsamem Leiden oder Alltagsbeeinträchtigungen führen.
Die ICD-11 fasst frühere Diagnosen (frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom, atypischer Autismus) unter einem einheitlichen Spektrum-Begriff zusammen und differenziert über Subkodes nach intellektueller und sprachlicher Beeinträchtigung (6A02.0–6A02.5).
Quellen: ICD-11 Code 6A02 (WHO, 2022); S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen, Diagnostik und Therapie (AWMF-Registernr. 028-018 und 028-047, DGKJP/DGPPN); DSM-5 (APA)
Komorbidität: ADHS & ASS (AuDHS)
Komorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von zwei oder mehr eigenständig diagnostizierbaren Störungen bei einer Person. Für ADHS (ICD-11: 6A05) und Autismus-Spektrum-Störung (ICD-11: 6A02) war eine gleichzeitige Diagnose lange nicht erlaubt – erst mit dem DSM-5 (2013) und der ICD-11 (2022) wurde die Kookkurrenz beider Störungen offiziell anerkannt. Die ICD-11 hält ausdrücklich fest: „Autismus-Spektrum-Störungen und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen können gemeinsam auftreten, und es können beide Diagnosen gestellt werden, wenn die diagnostischen Kriterien für jede einzelne erfüllt sind."
Die Kombination wird klinisch zunehmend als AuDHS bezeichnet.
Häufigkeit
Studien zeigen, dass 30–80% der Menschen mit ASS gleichzeitig die ADHS-Kriterien erfüllen; umgekehrt weisen rund 30–50% der Personen mit ADHS ausgeprägte autistische Merkmale auf. Genetische Überlappungen werden für dieses häufige Konkurrenzmuster mitverantwortlich gemacht: Etwa 50–70% der genetischen Varianten beider Störungen überschneiden sich, und die Erblichkeit liegt bei beiden bei ca. 70–80%.
Quellen: ICD-11 6A02/6A05 (WHO, 2022); DSM-5-TR (APA, 2013); Frontiers of Psychiatry.
Typische Symptome
Aufmerksamkeit: deutliche Konzentrationsprobleme bei wenig interessanten Aufgaben, gleichzeitig teils starker Hyperfokus; dazu oft Vergesslichkeit, Desorganisation und Schwächen im Arbeitsgedächtnis.
Emotionsregulation: geringe Frustrationstoleranz, emotionale Überforderung und in belastenden Situationen auch Meltdowns oder Shutdowns; zusätzlich erhöhtes Risiko für Angst, Depression oder Erschöpfung als Folgeprobleme.
Soziale Interaktion: Schwierigkeiten mit sozialen Signalen und nonverbaler Kommunikation, zugleich impulsive oder sprunghafte Gesprächsführung; Beziehungen sind häufig belastet, aber aus unterschiedlichen Gründen.
Sensorik und Verhalten: Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Reizen, Stimmung sowie ein Spannungsfeld zwischen starkem Bedürfnis nach Struktur und gleichzeitiger Impulsivität bzw. Alltagschaos.
Diagnostisch wichtig: ADHS und ASS können sich gegenseitig überdecken. Deshalb ist eine sorgfältige Differenzialdiagnostik durch spezialisierte Fachkräfte besonders wichtig.
Wichtige offizielle Quellen
NICE: Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (Leitlinie NG87).
NIMH: Autism Spectrum Disorder sowie Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder (ADHD).