ADHS im Erwachsenenalter
ADHS im Erwachsenenalter ist keine „Mode-Diagnose“, sondern eine neuroentwicklungsbedingte Störung, die in der Kindheit beginnt und bei vielen Betroffenen bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Eine aktuelle Übersichtsarbeit in World Psychiatry beschreibt die Prävalenz bei Erwachsenen mit rund 2,5 % weltweit. Zudem zeigen viele Betroffene auch dann noch deutliche Beeinträchtigungen, wenn nicht mehr alle klassischen Diagnosekriterien vollständig erfüllt sind [1].
Im Erwachsenenalter zeigt sich ADHS oft anders als bei Kindern. Weniger im Vordergrund stehen äußere Hyperaktivität und motorische Unruhe, häufiger sind Probleme mit Aufmerksamkeit, Organisation, Zeitmanagement, Impulsivität, innerer Unruhe und emotionaler Selbstregulation. Diese Symptome können sich deutlich auf Beruf, Studium, Partnerschaft und Alltagsbewältigung auswirken [1].
Für Deutschland sind besonders aktuelle Versorgungsdaten relevant: Eine 2025 publizierte Auswertung bundesweiter Abrechnungsdaten zeigt, dass die Inzidenz neu dokumentierter AD(H)D-Spektrum-Diagnosen bei Erwachsenen zwischen 2015 und 2024 um 199 % gestiegen ist – von 8,6 auf 25,7 pro 10.000 gesetzlich Versicherte [2]. Das spricht weniger für ein plötzlich häufigeres Auftreten der Erkrankung als vielmehr für eine verbesserte Wahrnehmung und Diagnostik.
Gleichzeitig bleibt ADHS im Erwachsenenalter wahrscheinlich weiterhin unterdiagnostiziert. Denn die dokumentierten Diagnoseraten im Versorgungssystem liegen deutlich unter der Häufigkeit, die aus epidemiologischen Studien zu erwarten wäre [1][2]. Viele Betroffene erhalten die Diagnose daher erst spät – oft dann, wenn berufliche, soziale oder psychische Belastungen bereits deutlich zugenommen haben.
Klinisch bedeutsam ist vor allem, dass ADHS bei Erwachsenen nur selten isoliert auftritt. Häufig bestehen zusätzliche psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder Substanzgebrauchsstörungen. Diese Komorbiditäten erschweren die Diagnostik, erhöhen den Leidensdruck und führen zu einer stärkeren Inanspruchnahme des Gesundheitssystems [1]. Auch deshalb ist ADHS im Erwachsenenalter nicht nur ein individuelles, sondern auch ein versorgungsmedizinisch relevantes Thema.
Fazit
ADHS im Erwachsenenalter ist häufig, klinisch gut belegt und für viele Betroffene mit erheblichem Leidensdruck verbunden. Die aktuelle Evidenz zeigt, dass vor allem bessere Diagnostik, eine sorgfältige Abgrenzung zu anderen Störungen und eine strukturierte Behandlung notwendig sind. Für Deutschland deuten die jüngsten Daten auf einen deutlichen Anstieg erkannter Fälle hin – bei wahrscheinlich weiterhin bestehender Unterversorgung [1][2].
Literatur
[1] Cortese S, et al. Attention-deficit/hyperactivity disorder (ADHD) in adults: evidence base, uncertainties and controversies. World Psychiatry. 2025;24(3):347–371.
[2] Ivanova M, et al. The Incidence of AD(H)D-Spectrum Disorders in Adults: An Analysis of Nationwide Claims Data of the Statutory Health Insurance System in Germany, 2015–2024. Deutsches Ärzteblatt International. 2025.