ADHS-Verdacht in der Psychotherapie: Was tun?
ADHS wird bei Erwachsenen zunehmend häufiger diagnostiziert, bleibt aber weiterhin oft unerkannt. Für Psychotherapeut:innen bedeutet das: Ein ADHS-Verdacht kann sich bereits im Erstgespräch, aber auch erst im Verlauf einer Psychotherapie ergeben. Doch welche Hinweise sprechen für ADHS und wann ist eine weiterführende Diagnostik sinnvoll?
Wann sollte an ADHS gedacht werden?
Erwachsene mit ADHS berichten häufig über Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Zeitmanagement oder Impulskontrolle. Auch innere Unruhe und Probleme bei der Emotionsregulation können auftreten.
Entscheidend ist jedoch nicht das Vorliegen einzelner Symptome, sondern vielmehr, ob die Beschwerden bereits in der Kindheit bestanden, in mehreren Lebensbereichen auftreten und zu relevanten Beeinträchtigungen führen. Ein Screening-Fragebogen kann einen ersten Hinweis liefern, ersetzt aber keine diagnostische Abklärung.
Was gehört zu einer fundierten Diagnostik?
Eine ADHS-Diagnostik sollte verschiedene Informationsquellen zusammenführen:
· klinische Anamnese
· standardisierte Fragebögen
· Entwicklungs- und Schulgeschichte
· Informationen aus dem sozialen Umfeld, sofern verfügbar
· Erfassung der aktuellen Beeinträchtigungen
· sorgfältige Differentialdiagnostik
Gerade bei Erwachsenen ist die Betrachtung der Kindheit besonders wichtig. ADHS beginnt in der Kindheit, auch wenn die Symptomatik im Erwachsenenalter häufig anders wahrgenommen wird.
ADHS oder eine andere psychische Störung?
Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, innere Unruhe oder Schwierigkeiten bei der Selbstorganisation sind nicht spezifisch für ADHS. Auch Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme oder andere psychische Belastungen können ähnliche Symptome verursachen.
Zudem können ADHS und andere psychische Störungen gleichzeitig vorliegen. Eine fundierte Diagnostik sollte daher neben möglichen ADHS-Hinweisen auch Differentialdiagnosen und Komorbiditäten berücksichtigen.
Wann ist eine externe Diagnostik sinnvoll?
Nicht jede psychotherapeutische Praxis verfügt über die zeitlichen oder strukturellen Ressourcen für eine umfassende ADHS-Diagnostik. Insbesondere wenn sich der Verdacht erst während einer laufenden Therapie ergibt, kann die Zusammenarbeit mit einer spezialisierten Diagnostikstelle sinnvoll sein.
Die diagnostische Abklärung kann so ausgelagert werden, während die psychotherapeutische Behandlung in der eigenen Praxis fortgeführt wird. Ein strukturierter Befund schafft eine fundierte Grundlage für die weitere therapeutische Planung.
Quellen
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter“, Version 2.0, 2026.
Kooij SJ et al. (2010): „European consensus statement on diagnosis and treatment of adult ADHD: The European Network Adult ADHD.“ European Psychiatry, 25(8), 525–533.