Autismus-Spektrum-Störung bei Erwachsenen
Autismus-Spektrum-Störung ist keine reine „Kinderdiagnose“, sondern eine neuroentwicklungsbedingte Besonderheit, die über die gesamte Lebensspanne bestehen kann. Eine große klinische Übersichtsarbeit beschreibt ASS als Störung der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie der eingeschränkten, repetitiven Verhaltensmuster und Interessen. Für Erwachsene wird in dieser Review eine Prävalenz von etwa 2,2 % angegeben. Gleichzeitig gibt es bis heute keinen einzelnen Laborwert oder Biomarker, der die Diagnose sichern könnte; entscheidend bleibt die sorgfältige klinische Beurteilung [1].
Im Erwachsenenalter zeigt sich ASS häufig weniger über das klassische Bild aus der Kindermedizin, sondern eher über anhaltende Schwierigkeiten in sozialer Gegenseitigkeit, Missverständnisse in Kommunikation, sensorische Überlastung, starken Bedarf an Vorhersehbarkeit und Erschöpfung in sozialen oder beruflichen Situationen. Gerade deshalb wird die Diagnose bei Erwachsenen nicht selten spät gestellt. Für Betroffene ist wichtig zu wissen: Eine späte Diagnose bedeutet nicht, dass die Symptome „neu“ sind, sondern oft, dass sie lange nicht richtig eingeordnet wurden [1].
Auch aus Versorgungssicht ist ASS im Erwachsenenalter relevant. Eine deutsche Studie aus spezialisierten Ambulanzen zeigte eine durchschnittliche jährliche Gesundheitskostenbelastung von 3.287 Euro pro Person. Die größten Kostenanteile entfielen auf psychiatrische stationäre Behandlungen (19,8 %), Pharmakotherapie (11,1 %) und Ergotherapie (11,1 %). Die Autoren bewerten die gesundheitsbezogenen Kosten als in einer Größenordnung, die mit schweren psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie vergleichbar ist [2].
Damit wird deutlich: ASS im Erwachsenenalter ist nicht nur eine diagnostische Frage, sondern auch ein Versorgungsthema. Wenn Autismus spät erkannt wird, steigen häufig Belastung, Fehlbehandlungen oder unnötig lange diagnostische Wege. Umso wichtiger sind strukturierte Diagnostik, autismussensible Versorgung und ein realistischer Blick auf alltagsrelevante Einschränkungen ebenso wie auf individuelle Stärken [1][2].
Fazit
Autismus-Spektrum-Störung im Erwachsenenalter ist klinisch gut belegt und für viele Betroffene mit relevanten Belastungen im Alltag verbunden. Die aktuelle Evidenz zeigt, dass eine verständige, präzise Diagnostik und eine an die Bedürfnisse Erwachsener angepasste Versorgung entscheidend sind. Gleichzeitig ist ASS auch für das Gesundheitssystem relevant, weil die Inanspruchnahme von Leistungen und die damit verbundenen Kosten deutlich erhöht sein können [1][2].
Literatur
[1] Hirota T, King BH. Autism Spectrum Disorder: A Review. JAMA. 2023;329(2):157–168.
[2] Höfer J, et al. Health Services Use and Costs in Individuals with Autism Spectrum Disorder in Germany: Results from a Survey in ASD Outpatient Clinics. Journal of Autism and Developmental Disorders. 2022;52(2):540–552