Eine Patientin wirkt im therapeutischen Gespräch sozial sicher, hält Blickkontakt und kann scheinbar mühelos auf ihr Gegenüber eingehen. Gleichzeitig berichtet sie von großer Erschöpfung nach sozialen Kontakten, Schwierigkeiten mit Veränderungen und dem Gefühl, soziale Situationen ständig „analysieren“ zu müssen.
Gerade bei Erwachsenen kann eine solche Diskrepanz die Diagnostik einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) erschweren. Ein möglicher Grund ist Camouflaging – also der Versuch, autistische Merkmale zu verbergen, zu kompensieren oder sich an soziale Erwartungen anzupassen.
Was bedeutet Camouflaging?
In der Autismusforschung wird Camouflaging als Überbegriff für verschiedene Strategien verwendet. Dazu gehören beispielsweise das bewusste Einüben sozialer Regeln, das Nachahmen anderer Personen, das gezielte Herstellen von Blickkontakt oder das Unterdrücken von als „unpassend“ empfundenen Verhaltensweisen.
Hull et al. beschrieben Camouflaging als einen Prozess, bei dem autistische Merkmale in sozialen Situationen verborgen oder kompensiert werden. Studien zeigen, dass insbesondere autistische Frauen häufig von solchen Strategien berichten. Camouflaging wurde außerdem mit einem späteren Diagnosezeitpunkt und psychischer Belastung in Verbindung gebracht.
Dabei handelt es sich nicht zwangsläufig um bewusst eingesetzte Strategien. Was ursprünglich bewusst gelernt wurde, kann über Jahre automatisiert werden.
Warum ist das für die Diagnostik relevant?
Das diagnostische Gespräch ist eine besondere Situation: Es ist strukturiert, zeitlich begrenzt und bietet klare soziale Rahmenbedingungen.
Das kann dazu führen, dass autistische Merkmale weniger deutlich sichtbar sind als im Alltag. Eine Person kann beispielsweise gelernt haben, Blickkontakt herzustellen oder typische Gesprächsregeln einzuhalten, obwohl dies erhebliche Konzentration erfordert.
Deshalb sollte die direkte Verhaltensbeobachtung nicht isoliert betrachtet werden. Für die Diagnostik sind auch Entwicklungsanamnese, Alltagserleben und Informationen aus unterschiedlichen Lebensbereichen relevant.
Welche Fragen können hilfreich sein?
Für Psychotherapeut:innen kann es sinnvoll sein, in der Diagnostik nicht nur zu fragen, ob eine Person soziale Situationen bewältigen kann, sondern wie sie das tut.
Zum Beispiel:
„Wie viel Vorbereitung benötigen Sie für soziale Situationen?“
„Gibt es Verhaltensweisen, die Sie bewusst einsetzen, weil Sie wissen, dass sie sozial erwartet werden?“
„Wie fühlen Sie sich nach längeren sozialen Kontakten?“
„Was passiert, wenn Sie sich nicht auf Ihre gewohnten Strategien verlassen können?“
„Haben Sie das Gefühl, soziale Regeln eher zu lernen als intuitiv zu verstehen?“
„Welche Verhaltensweisen haben Sie sich im Laufe Ihres Lebens bewusst abgewöhnt?“
Besonders interessant können Diskrepanzen zwischen äußerer Anpassung und subjektivem Aufwand sein.
Camouflaging ist kein diagnostisches Kriterium
Camouflaging sollte nicht als Beweis für eine Autismus-Spektrum-Störung verstanden werden. Nicht jede soziale Anpassung ist Camouflaging, und nicht jede Person mit ASS camoufliert in gleicher Weise.
Für die Diagnostik bedeutet das vielmehr: Ein unauffälliges Auftreten im Gespräch sollte nicht automatisch als Hinweis gegen Autismus interpretiert werden. Gleichzeitig sollte eine vermutete „Maskierung“ nicht die sorgfältige Differentialdiagnostik ersetzen.
Entscheidend bleibt die Gesamtschau aus Entwicklungsverlauf, aktueller Symptomatik, Alltagsfunktion, Verhaltensbeobachtung und weiteren diagnostischen Informationen.
Fazit
Camouflaging kann dazu beitragen, dass autistische Merkmale im diagnostischen Setting weniger sichtbar sind. Gerade bei Erwachsenen kann es deshalb hilfreich sein, nicht nur das beobachtbare Verhalten zu betrachten, sondern auch nach dem Aufwand zu fragen, der hinter diesem Verhalten steht.
Quellen
Hull, L. et al. (2017). “Putting on My Best Normal”: Social Camouflaging in Adults with Autism Spectrum Conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders.
Hull, L. et al. (2019). Gender differences in self-reported camouflaging in autistic and non-autistic adults. Autism.
Cook, J. et al. (2021). Camouflaging in autism: A systematic review. Clinical Psychology Review.
NICE. Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142).