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Widersprüchliche Befunde in der ASS-Diagnostik: Wenn Screening und klinisches Bild nicht zusammenpassen.

3. September 2026 durch
Widersprüchliche Befunde in der ASS-Diagnostik: Wenn Screening und klinisches Bild nicht zusammenpassen.
Marisa Zernecke

Die Diagnostik einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) bei Erwachsenen kann herausfordernd sein. Nicht selten zeigen Screeningverfahren, klinische Beobachtung und Anamnese ein unterschiedliches Bild. Für Diagnostiker:innen stellt sich dann die Frage: Welchem Befund sollte mehr Gewicht gegeben werden?

Ein Screening ist keine Diagnose

Screeninginstrumente wie der AQ oder die RAADS-R können einen wichtigen ersten Hinweis auf autistische Merkmale geben. Sie sind jedoch nicht dafür vorgesehen, eine klinische Diagnostik zu ersetzen. Auch ein auffälliger Score ist daher zunächst ein Anlass für eine weiterführende Abklärung.

Umgekehrt bedeutet ein unauffälliges Screening nicht automatisch, dass keine ASS vorliegt. Gerade bei Erwachsenen können autistische Merkmale durch Kompensations- und Anpassungsstrategien weniger deutlich sichtbar sein. Das sogenannte Camouflaging kann dazu führen, dass Schwierigkeiten im sozialen Bereich nach außen weniger auffallen.

Was tun bei widersprüchlichen Befunden?

Entscheidend ist die Zusammenführung verschiedener Informationsquellen. Neben standardisierten Verfahren sollten insbesondere die Entwicklungsanamnese, aktuelle Funktionsbeeinträchtigungen und die klinische Beobachtung berücksichtigt werden. Wenn möglich, können auch Informationen von Angehörigen oder andere biografische Unterlagen einbezogen werden.

Dabei sollte keine einzelne Informationsquelle als alleiniger „Goldstandard“ betrachtet werden. Ein hoher Screeningwert kann beispielsweise auch durch andere psychische Belastungen beeinflusst werden. Ebenso kann eine unauffällige klinische Situation bei einer stark kompensierenden Person nicht die gesamte Entwicklungsgeschichte abbilden.

Die klinische Gesamteinschätzung bleibt entscheidend

Widersprüchliche Befunde sind daher nicht unbedingt ein Problem der Diagnostik, sie können selbst eine wichtige diagnostische Information darstellen. Die zentrale Frage ist nicht, welcher Test „recht hat“, sondern wie die unterschiedlichen Befunde im Kontext der diagnostischen Kriterien und der individuellen Entwicklungsgeschichte einzuordnen sind.

Eine sorgfältige ASS-Diagnostik verbindet deshalb standardisierte Verfahren mit klinischer Expertise und einer ausführlichen Entwicklungs- und Anamneseerhebung. Gerade bei Erwachsenen ist diese Gesamtschau entscheidend, um sowohl Über- als auch Unterdiagnostik zu vermeiden.

 

Quellen

AWMF: S3-Leitlinie Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter – Diagnostik. 

Cook, J., Hull, L., Crane, L., & Mandy, W. (2021). Camouflaging in autism: A systematic review. Clinical psychology review, 89, 102080. 

Widersprüchliche Befunde in der ASS-Diagnostik: Wenn Screening und klinisches Bild nicht zusammenpassen.
Marisa Zernecke 3. September 2026
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