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ADHS und Autismus-Spektrum-Störung: Wenn beides zusammen auftritt

15. April 2026 durch
ADHS und Autismus-Spektrum-Störung: Wenn beides zusammen auftritt
Patrik Scholler

ADHS und Autismus-Spektrum-Störung: Wenn beides zusammen auftritt

ADHS und Autismus-Spektrum-Störung können gleichzeitig vorliegen. Diese Kombination ist klinisch besonders relevant, weil sich Symptome teilweise überlappen, sich in anderen Punkten aber auch klar unterscheiden. Eine aktuelle Übersichtsarbeit betont, dass diese Komorbidität nicht übersehen werden darf. Gleichzeitig ist eine sorgfältige Differenzialdiagnostik notwendig: Nicht jede Unaufmerksamkeit oder Impulsivität bei ASS ist automatisch ADHS, und nicht jede soziale Unsicherheit bei ADHS bedeutet bereits eine Autismus-Spektrum-Störung [1].

Für die Praxis ist das wichtig, weil die gemeinsame Ausprägung häufig komplexer ist als jede der beiden Diagnosen für sich allein. Die Review hebt hervor, dass Diagnostik und Behandlung individualisiert erfolgen sollten. Dazu gehören eine saubere klinische Einordnung, die Abgrenzung gegenüber anderen psychischen Störungen sowie die Entscheidung, welche Symptome im Alltag tatsächlich am stärksten beeinträchtigen [1].

Wie häufig die Komorbidität im Erwachsenenalter ist, zeigt eine große populationsbasierte Kohortenstudie in JAMA Network Open. Dort fanden sich ADHS-Diagnosen bei 26,7 % der autistischen Erwachsenen ohne Intelligenzminderung und bei 40,2 % der autistischen Erwachsenen mit Intelligenzminderung. In der allgemeinen Medicaid-Population lag der entsprechende Wert bei 2,7 %. Das unterstreicht, dass ADHS bei autistischen Erwachsenen keine Randerscheinung, sondern ein sehr relevantes Begleitbild ist [2].

Die gemeinsame Ausprägung ist nicht nur diagnostisch, sondern auch medizinisch bedeutsam. In derselben Studie waren negative Gesundheitsfolgen bei autistischen Erwachsenen mit zusätzlichem ADHS häufiger. So lag die Rate von Substanzgebrauchsstörungen bei autistischen Erwachsenen mit ADHS bei 13,2 %, gegenüber 5,7 % bei autistischen Erwachsenen ohne ADHS. Zudem waren ADHS-Diagnosen insgesamt mit höheren Raten ungünstiger Gesundheitsoutcomes verbunden. Die Autoren berichten zugleich, dass ADHS-Medikation mit niedrigeren Raten bestimmter negativer Gesundheitsereignisse assoziiert war, was für die klinische Behandlung relevant ist [2].

Damit wird klar: Die Komorbidität von ADHS und ASS ist mehr als eine formale Doppeldiagnose. Sie kann mit stärkerer funktioneller Beeinträchtigung, höherem Behandlungsbedarf und komplexerer Versorgung einhergehen. Für Betroffene bedeutet das vor allem, dass beide Störungsbilder aktiv mitgedacht werden sollten – diagnostisch wie therapeutisch [1][2].

Fazit

Wenn ADHS und ASS gemeinsam auftreten, steigt die klinische Komplexität deutlich. Die aktuelle Evidenz spricht dafür, dass diese Komorbidität häufig ist und mit ungünstigeren gesundheitlichen Verläufen verbunden sein kann. Umso wichtiger sind eine sorgfältige Diagnostik, individualisierte Behandlung und eine Versorgung, die beide Störungsbilder gleichzeitig berücksichtigt [1][2].

Literatur

[1] Petruzzelli MG, et al. An update on the comorbidity of attention deficit/hyperactivity disorder (ADHD) and autism spectrum disorder (ASD) and its clinical management. Expert Review of Neurotherapeutics. 2026;26(1):75–89. (PubMed)

[2] Yerys BE, et al. Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Medicaid-Enrolled Autistic Adults. JAMA Network Open. 2025;8(2):e2453402. (PubMed)

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