Differentialdiagnostik bei neurodivergenten Patient:innen: Was ähnlich aussieht, muss nicht dasselbe sein
Die Diagnostik neurodivergenter Patient:innen kann insbesondere im Erwachsenenalter herausfordernd sein. Konzentrationsprobleme, soziale Schwierigkeiten, Reizempfindlichkeit, emotionale Dysregulation oder ein Bedürfnis nach Routinen sind keine spezifischen Merkmale einer einzelnen Diagnose. Sie können bei Autismus-Spektrum-Störung (ASS), ADHS, Angst- und depressiven Störungen, Zwangsstörungen, Traumafolgestörungen oder Persönlichkeitsstörungen auftreten.
Für die psychotherapeutische Praxis bedeutet das: Nicht das einzelne Symptom ist entscheidend, sondern sein Entwicklungsverlauf, seine Funktion und sein Kontext.
Entwicklungsverlauf statt Momentaufnahme
ASS und ADHS sind neuroentwicklungsbedingte Störungen. Bei der Diagnostik ist deshalb von zentraler Bedeutung, ob relevante Merkmale bereits in Kindheit und Jugend bestanden haben.
Gerade bei Erwachsenen kann die aktuelle Symptomatik durch Kompensations- und Anpassungsstrategien verändert sein. Eine unauffällige klinische Beobachtung schließt eine ASS daher nicht automatisch aus. Umgekehrt reicht ein auffälliger Screeningwert nicht für eine Diagnose. Die Diagnostik sollte deshalb verschiedene Informationsquellen zusammenführen und den gesamten Entwicklungsverlauf berücksichtigen.
Hilfreich sind Fragen wie:
Welche Besonderheiten bestanden bereits in Kindheit und Jugend?
Wie waren soziale Beziehungen und schulische Anforderungen?
Gab es früh Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation oder Impulskontrolle?
Wie wurde mit Veränderungen, Routinen oder sensorischen Reizen umgegangen?
Welche Kompensationsstrategien wurden im Laufe des Lebens entwickelt?
ASS, ADHS oder beides?
ASS und ADHS weisen eine deutliche phänomenologische Überschneidung auf. Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Selbstorganisation, Impulskontrolle oder Emotionsregulation können bei beiden Störungsbildern auftreten. Gleichzeitig können ASS und ADHS auch gemeinsam vorliegen.
Bei der Differentialdiagnostik sollte deshalb nicht gefragt werden, welchem Störungsbild ein einzelnes Symptom „gehört“. Entscheidend ist vielmehr das gesamte Muster.
Bei Aufmerksamkeitsproblemen kann beispielsweise relevant sein, ob diese seit der Kindheit und situationsübergreifend bestehen oder erst im Zusammenhang mit einer Depression, Angststörung oder anderen Belastung aufgetreten sind.
Bei sozialen Schwierigkeiten stellt sich entsprechend die Frage, ob primär Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation bestehen, ob soziale Situationen aus Angst vor negativer Bewertung vermieden werden oder ob mehrere Faktoren zusammenwirken.
Häufige Differentialdiagnosen
Auch Angst- und depressive Störungen können Merkmale hervorbringen, die auf den ersten Blick neurodivergent erscheinen. Konzentrationsprobleme, sozialer Rückzug oder Erschöpfung müssen deshalb immer im zeitlichen Zusammenhang betrachtet werden.
Eine ähnliche Herausforderung besteht bei der Abgrenzung von ASS und Zwangsstörung. Routinen und repetitive Verhaltensweisen können bei beiden vorkommen. Entscheidend ist unter anderem ihre Funktion: Dienen sie beispielsweise der Herstellung von Vorhersagbarkeit und Regulation oder der Reduktion von Zwangsängsten?
Auch Persönlichkeitsstörungen gehören zu den relevanten Differentialdiagnosen. Dabei bestehen sowohl Überschneidungen als auch mögliche Komorbiditäten. Eine bereits bestehende Diagnose sollte daher nicht vorschnell als Erklärung für sämtliche Schwierigkeiten herangezogen werden.
Bei traumabezogenen Störungen können wiederum soziale Vermeidung, Übererregbarkeit, Reizempfindlichkeit oder Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation im Vordergrund stehen. Hier ist besonders wichtig zu klären, wann die jeweiligen Merkmale erstmals aufgetreten sind.
Was gehört zu einer fundierten Differentialdiagnostik?
Eine sorgfältige Diagnostik sollte verschiedene Informationsquellen miteinander verbinden:
klinische Anamnese und aktuelle Symptomatik
Entwicklungs- und Schulgeschichte
standardisierte Screening- und Diagnostikinstrumente
Informationen aus dem sozialen Umfeld, sofern verfügbar
aktuelle funktionelle Beeinträchtigungen
systematische Prüfung relevanter Differentialdiagnosen und Komorbiditäten
Ein Screening kann dabei einen wichtigen Hinweis geben, ersetzt aber keine klinische Diagnostik. Auch standardisierte diagnostische Verfahren sollten immer im Kontext der Anamnese und des klinischen Gesamtbildes interpretiert werden.
Die klinische Gesamtschau bleibt entscheidend
Gerade bei komplexen erwachsenen Patient:innen gibt es selten den einen Befund, der die Diagnose eindeutig macht. Widersprüchliche Informationen sind deshalb nicht ungewöhnlich.
Die zentrale Frage lautet nicht: „Welcher Test hat recht?“
Sondern: „Wie lassen sich die verschiedenen Befunde im Kontext der individuellen Entwicklungsgeschichte und der diagnostischen Kriterien erklären?“
Eine gute Differentialdiagnostik berücksichtigt deshalb sowohl neuroentwicklungsbedingte Besonderheiten als auch psychische Komorbiditäten. Ziel ist nicht nur eine möglichst präzise Diagnose, sondern eine Fallkonzeption, die die tatsächlichen Schwierigkeiten der Patient:innen verständlich macht und eine passende therapeutische Planung ermöglicht.
Quellen
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter – Diagnostik“.
Carroll, H. M., Thom, R. P. & McDougle, C. J. (2025). The differential diagnosis of autism spectrum disorder in adults. Expert Review of Neurotherapeutics, 25(6), 635–648.
Taurines, R. et al. (2012). ADHD and autism: differential diagnosis or overlapping traits? A selective review. BMC Medicine, 10, 155.
National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Autism spectrum disorder in adults: diagnosis and management (CG142).
National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Attention deficit hyperactivity disorder: diagnosis and management (NG87).
World Health Organization (WHO): Clinical descriptions and diagnostic requirements for ICD-11 mental, behavioural and neurodevelopmental disorders (2024).