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ADHS und Neurodiversität: Zwischen Diagnose, Belastung und Andersartigkeit

22. März 2024 durch
ADHS und Neurodiversität: Zwischen Diagnose, Belastung und Andersartigkeit
Cristina Cretulescu

ADHS im Sinne der Neurodiversität: Zwischen Störung und Andersartigkeit

ADHS wird oft vor allem mit Ablenkbarkeit, Impulsivität und innerer oder äußerer Unruhe verbunden. Gleichzeitig erleben viele Betroffene ihre Diagnose nicht nur als Beschreibung von Schwierigkeiten, sondern auch als Erklärung dafür, warum sie anders lernen, arbeiten oder auf Reize reagieren. Genau an dieser Stelle setzt die Neurodiversitäts-Perspektive an: Sie fragt nicht nur, was schwerfällt, sondern auch, wie unterschiedlich menschliche Gehirne grundsätzlich sein können.

Warum ADHS weiterhin eine klinische Diagnose ist

Trotz dieser erweiterten Perspektive bleibt ADHS eine medizinisch anerkannte Diagnose. NHS England fasst die ICD-11-Definition so zusammen: ADHS ist eine neuroentwicklungsbedingte Störung mit einem anhaltenden Muster von Unaufmerksamkeit und/oder Hyperaktivität-Impulsivität, das sich in mehr als einem Lebensbereich direkt negativ auswirkt – etwa in Schule, Beruf oder sozialem Leben. Diese klinische Einordnung ist wichtig, weil sie den Leidensdruck ernst nimmt und eine Grundlage für Diagnostik, Unterstützung und Behandlung schafft.

Was die Neurodiversitäts-Perspektive ergänzt

Die Neurodiversitäts-Perspektive widerspricht dem nicht automatisch. Sie verschiebt eher den Blickwinkel: weg von der Frage, ob ein Mensch „richtig funktioniert“, hin zu der Frage, wie unterschiedlich Aufmerksamkeit, Motivation, Tempo oder Reizverarbeitung ausgeprägt sein können. In der neueren Literatur wird deshalb kritisiert, dass ADHS zu oft nur defizitorientiert beschrieben wird. Stattdessen wird stärker betont, dass Menschen mit ADHS nicht nur Herausforderungen erleben, sondern auch Eigenschaften mitbringen können, die in bestimmten Kontexten hilfreich oder wertvoll sind.

Anders heißt nicht automatisch besser – aber auch nicht weniger wert

Wichtig ist dabei eine nüchterne Sicht. Neurodiversität bedeutet nicht, dass ADHS „gar keine echte Belastung“ sei. Und es bedeutet auch nicht, dass jede Person mit ADHS automatisch besondere Stärken haben müsse. Die aktuelle Forschungslage spricht eher für ein differenziertes Bild: In einer 2026 veröffentlichten Scoping Review wurden 125 Studien zu möglichen ADHS-bezogenen Stärken im Erwachsenenalter ausgewertet. Genannt wurden dort unter anderem Kreativität, interessegeleitete Aufmerksamkeit, Energie, Flexibilität, Resilienz und unter bestimmten Bedingungen auch positive Seiten von Impulsivität oder Hyperfokus. Gleichzeitig betonen die Autorinnen und Autoren ausdrücklich, dass solche Merkmale kontextabhängig sind und nicht die realen Schwierigkeiten von ADHS ausblenden dürfen.

Warum der gesellschaftliche Kontext so wichtig ist

Ob ADHS vor allem als Belastung erlebt wird, hängt auch stark davon ab, welche Anforderungen die Umwelt stellt. In Schule, Ausbildung, Beruf und Alltag werden oft genau die Fähigkeiten stark belohnt, die Menschen mit ADHS schwerer fallen können: lange konzentriert bleiben, Reize ausblenden, Prioritäten setzen, Aufgaben strukturiert abschließen und sich verlässlich selbst organisieren. Dann wird ADHS schnell als „Defizit“ sichtbar. Die Neurodiversitäts-Perspektive erinnert daran, dass ein Teil des Problems nicht nur in der Person liegt, sondern auch in Umgebungen, die wenig flexibel auf unterschiedliche Denk- und Arbeitsweisen reagieren.

Zwischen Stigmatisierung und Verharmlosung

Genau deshalb ist die Frage „Störung oder Andersartigkeit?“ oft zu eng gestellt. Eine rein defizitorientierte Sicht kann zu Scham, Selbstzweifeln und Stigmatisierung beitragen. Die gegenteilige Vereinfachung – ADHS nur als „Superpower“ darzustellen – greift aber ebenfalls zu kurz. Auch darauf weist die aktuelle Literatur hin: Ein zu positives, vereinfachtes Bild kann dazu führen, dass Unterstützungsbedarf übersehen oder Hilfe weniger ernst genommen wird. Sinnvoller ist ein Mittelweg, der beides anerkennt: ADHS kann eine echte Belastung sein und zugleich Teil menschlicher Verschiedenheit.

Was das für den Umgang mit ADHS bedeutet

Für Betroffene kann diese Perspektive entlastend sein. Sie erlaubt, Schwierigkeiten ernst zu nehmen, ohne die eigene Persönlichkeit nur durch eine Defizitbrille zu betrachten. Für Fachkräfte, Angehörige und Gesellschaft bedeutet sie, Unterstützung nicht nur auf „Anpassung an die Norm“ auszurichten, sondern auch auf Passung, Selbstverständnis, Teilhabe und konkrete Entlastung im Alltag. Die klinische Diagnose bleibt dabei relevant – aber sie muss nicht die einzige Sprache sein, in der über ADHS gesprochen wird.

Fazit

ADHS lässt sich weder nur als Störung noch nur als Andersartigkeit beschreiben. Beides gehört zur Realität vieler Betroffener: Es gibt echte Belastungen, die Unterstützung erforderlich machen können, und es gibt Formen des Denkens, Wahrnehmens und Handelns, die nicht nur defizitär verstanden werden sollten. Die Neurodiversitäts-Perspektive ergänzt die klinische Sicht deshalb nicht, indem sie Probleme leugnet, sondern indem sie den Blick erweitert.

Quellen

  • NHS England (2025): Adult Psychiatric Morbidity Survey 2023/4 – Chapter 9: Attention deficit hyperactivity disorder. Offizielle Zusammenfassung der ICD-11-Einordnung von ADHS als neuroentwicklungsbedingte Störung mit relevanten Auswirkungen auf Alltag, Arbeit und soziale Funktionsfähigkeit.
  • Rafael RB et al. (2026): ADHD-Related Strengths in Adults: A Scoping Review. Überblick über die aktuelle Forschung zu möglichen ADHS-bezogenen Stärken sowie zur Einordnung zwischen stärkenorientierter Sicht und Verharmlosung.
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